Bus Stops – way stations in the boundless

Bus Stops -Michael Kruscha,

Verlag Seltmann+Söhne,

2015,

deutsch, englisch

Hardcover

120 Seiten

80 Fotografien

20x28cm/ 7,9×11 inches

ISBN 978-3-944721-52-1

http://www.seltmannundsoehne.de/buecher/ansehen/221

 

 

Der Bildband präsentiert eine Serie von Bushaltestellen, die Michael Kruscha auf Reisen fotografierte. Die Aufnahmen stammen aus Osteuropa, Kasachstan/Armenien, Arabien/Naher Osten, Nord- und Südafrika, Südamerika und Asien. Ausgangspunkt war eine Reise in den Oman, wo dem Künstler an Hunderte Kilometer langen Wüstenstraßen Bus Stops begegneten. Sie wirken paradox: das zum Warten gebaute Gebilde erscheint seiner Funktion beraubt, ein l`art pour l`art-Produkt? Um so erstaunlicher ist die Gestaltung. Die kleinen Profanbauten variieren in Material, Gestalt und Zustand: teils zwischen dekorativer Baukunst und futuristischer Plastik, mit Relief, Malerei oder Mosaik, geometrisch reduziert sowie mit Ornamentik oder Figuren verziert. Einige sind seriell, andere individuell produziert, einige palastartig und kunstvoll, andere provisorisch errichtet oder halb verfallen.

In der Synthese aus Architekturdokumentation und Landschaftspanorama erscheinen manche Bilder abstrakt: ein Kubus als Punkt an einer Strecke im Raum, reduziert auf zwei Zonen von Himmel und Erde. Der Maler Kruscha nutzt die Ästhetik des Lichts. Auf weißen Wänden erzeugen Schatten Linien und Formen, ein Wechselspiel von Schwarz und Weiß, Schein und Sein. In dem Bildband wechseln Großaufnahmen stimmungsvoller Landschaft und außergewöhnliche Details, malerische Farbübergänge und kontrastreiche Bildkompositionen. Kunsthistorische Darstellung, Interview mit dem Künstler und Zitate namhafter Autoren intensivieren das Reiseerlebnis. Der Betrachter ist fasziniert vom ästhetischen Reiz fremder Landschaften sowie von der Vielfalt internationaler Baustile, die auf einzigartige Weise verschmelzen.

In Kasachstan werden – entgegen dem sozialistischen Einheitsstil – Gipsplatten und Formteile plakativ bemalt. Ein Bau in Nizwa mit Bogen-, Säulen- und Kapitellelementen islamischen Stils wirkt wie ein kleiner Palast. Wohnlich wirkt auch das Häuschen in Punta Arenas mit weiß-blauen Metallwänden, Fenstern, Giebel und Vordach. Das Haus in Wadi Arava ist sogar zweigeschossig an einer international befahrenen Strecke – Schild, arabische und englische Beschriftung regeln Verkehr, der sich auf der Fotografie nur ahnen lässt. Gegenmodelle sind Haltestellen in Shibam, Wadi Rum oder Taizz, die radikal auf Funktion reduziert sind und einzig eine Bank mit kleinem Dach darüber aufweisen.

Andere Bauten sehen aus wie Bunker, dunkel und fensterlos fügen sie sich in die braune Steinwüste ein. Verfall prägt viele Haltestellen weltweit: blätternde Farbe, bröckelnder Putz, beschmierte Wände, manche schon gestützt, gestürzt, andere kaum mehr als Lattengerüste oder rostende Gerippe. Zeit wird erfahrbar auf mehreren Ebenen: Der Augenblick der Aufnahme fasst die Zeit des Wandels, der Vergänglichkeit der Bauten sowie imaginativ das Warten als Abschnitt von Lebenszeit – angesichts des endlosen Zeitraums der Natur. Kruscha zeigt eine Abwesenheit, verweist auf Urformen Raum und Zeit, Materie und Licht, auf ein imaginatives Geschehen, das im Sinne Becketts existenzialistisch erscheint.

Dr. Marina Linares, Kunsthistorikerin, Köln