alegria – Ausstellung 2005, Prenzlauer Berg

Alegria

Mit diesem Titel lässt der Maler Michael Kruscha den Flamenco als wichtigen Ansatzpunkt und Eingebungsquelle der ausgestellten Bilder erkennen. Aber zugleich sind die Bildtitel, die auf die leichtere, heitere Form der Flamencotänze anspielen, irreführend, weil dieselben Gemälde eine viel tiefer gehende Auseinandersetzung mit der bildlichen Gestaltung bewirken. Die Erfahrung dieser entgegengesetzten Bezugspunkte vollzieht sich in verschiedenen Momenten und auf diversen Ebenen der Entstehung und der Beobachtung des Bildes. Dennoch ist die Frage nach der malerischen Darstellung des Flamencos in diesen abstrakten Bildern nützlich, um in sie einzusteigen. In der Tat schafft es der Maler, indem er sich der unterschiedlichsten Sprachen bedient, der tänzerischen Ausdrucksform eine erstaunliche Lebendigkeit und Energie zu verleihen.Die starken Gegensätze und Wechselspiele, die den Tanz bestimmen, gewährleisten gehaltvolles Material für den Versuch. Die Reichweite der Empfindungen zum Beispiel erstreckt sich von den strengen, gewichtigen und schwermütigen Formen des cante jondo, die oft Angst, Tod und Qual beklagen, über die cante intermedio bis hin zu den munteren, sinnenfrohen und regen cante chico, die die Liebe und Erlösung besingen. Durch dieses Wechselspiel, schwankend zwischen den Polen der Gefühle, wird eine einzigartige Spannung aufgebaut ñ bis zum Moment der Explosion oder der Entspannung. Mit Entschlossenheit und Leichtigkeit werden die Schritte, Bewegungen und Posen dargestellt. Die Spannung entsteht zwischen den Farben, die einen Rhythmus vorgeben, der Geometrie, deren Linien und Kurven ein Gefühl von Stärke und Zärtlichkeit vermitteln. Einige der Figuren der grafischen Serie, deren Gebärden leicht mit denen einer Flamencotänzerin assoziiert werden können, finden sich (über- oder ineinander) in den Gemälden wieder und übernehmen dort eine andere Aufgabe. Dabei stützen diese Linien, deren Urformen grafische Figuren sind, die Gestalt der Gemälde. Ihre Intensität wird mit der Stärke des Strichs ausgedrückt. Nicht umsonst lassen sie an den duende denken, jenen tranceartigen Zustand, den der Dichter Federico GarcÌa Lorca beschrieb und der der emotionale Höhepunkt des Tanzes ist. Diese Bilder verdienen zweifellos näheres Hinsehen und ruhigeres Nachdenken.
Franz Peter Hugdahl, Journalist, Artforum